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Lakatos: "Die Gaskrise ist im Grunde genommen vorbei"
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Lakatos: "Die Gaskrise ist im Grunde genommen vorbei"

December 28, 2023
Für Benjamin Lakatos ist die Gaskrise im Grunde genommen Vergangenheit. Der Chairman und CEO der MET Group betont in seinem Jahresrückblick für energate aber gleichwohl, dass für 2024 und die Folgejahre enorme Herausforderungen anstehen. Dabei gehe es im Kern um nichts weniger, als das Energie-Trilemma zu lösen.

Quelle: Energate Messenger Schweiz

Ein Gastkommentar von Benjamin Lakatos, Chairman und CEO der MET Group
 
Aus Sicht des europäischen Energiemarktes war 2023 unter dem Strich ein gutes Jahr - die erfreulichen Entwicklungen überwogen eindeutig. Ganz konkret gab es drei Bereiche, in denen ein positiver Trend zu verzeichnen war: Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Profitabilität.

Was die Versorgungssicherheit betrifft, so hat sich die extrem schwierige Lage aus dem Jahr 2022 mittlerweile deutlich verbessert. Die Gaskrise als solche ist im Grunde genommen vorbei. Mit vereinten Kräften ist es gelungen, neue Wege für Erdgas und LNG nach Europa zu erschliessen. Zudem sind diverse Regasifizierungsanlagen und grenzüberschreitende Pipeline-Verbindungen, sogenannte Interkonnektoren, in Betrieb gegangen. Das ist auch eine gute Nachricht für die Schweiz. Der Versorgungssicherheit ebenfalls zuträglich war die Tatsache, dass 2023 beim Gasverbrauch europaweit ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen war. Gemäss Analysen der MET Group lag er temperaturbereinigt zwischen zehn und 15 Prozent. Kein Grund zum Jubeln für unsere Branche, aber auf jeden Fall positiv für die europäische Wirtschaft in ihrer Gesamtheit.

Energieunternehmen für zukünftige Herausforderungen gerüstet

Seit diesem Jahr gibt es auch wieder eine gewisse Preisstabilität, die Preisspitzen waren bei weitem nicht mehr so hoch wie im Krisenjahr 2022. Natürlich liegen die Energiepreise immer noch über dem Vorkrisenniveau, aber das aktuelle Level ist für weite Teile der Wirtschaft in Europa einigermassen verkraftbar. Was wir 2022 gesehen hatten, war rückblickend schlicht Wahnsinn: Allein für Erdgas mussten die europäischen Unternehmen zusätzliche Kosten in Höhe von mehreren hundert Milliarden Euro schultern - und auch die Strompreise waren aus Sicht der Kunden wirklich katastrophal. Auch wenn sich die Situation mittlerweile verbessert hat, ist deutlich geworden, dass das Preisniveau gerade für viele Privatkunden in Europa immer noch viel zu hoch ist - deshalb kommt es darauf an, die Unterstützung für Familien und Haushalte auch im nächsten Jahr fortzusetzen und gleichzeitig darauf zu achten, dass dadurch keine Störungen auf dem Markt hervorgerufen werden.

In diesem herausfordernden, aber gegenüber dem Vorjahr nicht mehr ganz so turbulenten Marktumfeld haben zahlreiche Energieunternehmen gut gewirtschaftet und unter dem Strich finanziell stark abgeschnitten. Das ist eine gute Nachricht, da die Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgegangen und somit für die zukünftigen Herausforderungen gerüstet sind. Insbesondere für das erfolgreiche Gelingen der Energiewende braucht es finanzstarke Energieunternehmen.

Die "Trinity Challenge"

Auch wenn 2023 als positives Jahr zusammengefasst werden kann, stehen für 2024 und die Folgejahre enorme Herausforderungen an. Ich bezeichne diese gerne als "Trinity Challenge", weil es in diesem Zusammenhang drei grosse Fragestellungen gibt, die untrennbar miteinander verbunden sind. Es geht dabei im Kern darum, wie ein neuer Energiemarkt geschaffen werden kann, der die Versorgungssicherheit gewährleistet, für den Ausbau der erneuerbaren Energien in einem für Wirtschaft und Gesellschaft verträglichen Mass sorgt, damit wir alle am Ende nicht mit ausufernden Kosten konfrontiert werden - und der zu guter Letzt auch die Voraussetzungen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas schafft.

Während beim Erdgas im Hinblick auf eine sichere Versorgung kurzfristig höchstens noch einige regionale Herausforderungen zu bewältigen sind, sehe ich bei der Stromversorgung mehrere Fragezeichen, etwa wenn es um den Regelenergiemarkt oder die Kapazitätsmärkte geht. Das Problem hier ist nicht technischer Natur, da gibt es heute schon genügend Lösungen. Der Ball liegt vielmehr bei den politischen Entscheidungsträgern: Sie müssen jetzt endlich die Regeln festlegen und sicherstellen, dass Europa immer genug Strom hat, egal was passiert.

Pragmatismus und Realismus haben die Oberhand gewonnen

Eine Aufgabe für uns alle auf dem Weg in die Energiezukunft wird der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien bleiben. Die Energiewende in Europa ist auf Kurs, sie schreitet zügig voran - und sie ist endlich kein Thema mehr, über das man nur in wohlfeilen Sonntagsreden spricht. Pragmatismus und Realismus haben die Oberhand gewonnen und das ist gut so.

Definitiv die grösste Herausforderung ist aber die Frage der Wettbewerbsfähigkeit unseres Kontinents als Ganzes - und da spielen Energiethemen eine zentrale Rolle. Europa hat im Vergleich zu anderen Kontinenten an Boden verloren, und das ist gerade in einer immer stärker fragmentierten Welt ziemlich beunruhigend. Umso wichtiger ist in diesem Zusammenhang eine gut durchdachte, langfristige Regulierung. Und darüber hinaus braucht Europa finanzstarke, äusserst wettbewerbsfähige Akteure auf dem globalen Energiemarkt. Ohne sie ist ein starkes Europa nur schwer vorstellbar.